Sonntag, 26|11|2017

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Re-Pop|Sunday*präsentiert:

 

Epizootie & andere menschliche Defekte -

Kurt Vonnegut 

zum 95. Geburtstag

 

 

Sei vorsichtig, was du vorgibst zu sein, denn du bist, was du vorgibst zu sein.

 

(Kurt Vonnegut)

 

 

SPIEGEL: Ihr Buch Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug ist eigentlich ein Romanessay über die Unmöglichkeit, einen Roman zu schreiben, der von der Bombardierung Dresdens 1945 handelt. Hat das Buch immer noch besondere Bedeutung für Sie?

 

 

 

Vonnegut: Seither gelte ich als Schriftsteller. Vorher hatte man immer wieder versucht, mich als Science-Fiction-Autor abzutun. Stimmt es eigentlich, dass es kaum deutsche Romane über die Bombardierung der deutschen Städte gibt?

 

SPIEGEL: Mit wenigen Ausnahmen - was vermutlich mit den Darstellungsproblemen zu tun hat, die Sie in Schlachthof 5 schildern.

 

Vonnegut: Ich habe lange überhaupt keine Worte gefunden. Bombardiert zu werden ist eine außerordentlich passive Angelegenheit. Es gibt nichts, was man tun kann - außer vielleicht zu den Bomben zu sprechen. Man hat hinterher auch nichts, worauf man stolz sein könnte.

 

SPIEGEL: Warum haben Sie Schlachthof 5 erst 1969 veröffentlicht?

 

Vonnegut: Ich wollte gleich nach dem Krieg über das Erlebte schreiben. Es gab wenig darüber, ich war damals Reporter. Das Thema war zu groß für mich - wie für jeden anderen. Ich habe einfach keinen Dreh gefunden. Das Erlebte war zu gewaltig. Und als es mir dann in Schlachthof 5 endlich gelang, habe ich auch da den eigentlichen Luftangriff nicht beschrieben.

 

SPIEGEL: Wie beurteilen Sie den Angriff heute?

 

Vonnegut: Die Bombardierungen von Hamburg, Berlin oder Dresden waren militärisch sinnlos. Dagegen waren Freunde von mir bei den Marines und sollten damals in Japan landen - die dankten Gott für die Bombe. Mein Freund William Styron, der Verfasser von Sophies Wahl, hat das sogar später in Japan öffentlich gesagt. Sollte die Hiroshima-Bombe das Kriegsende tatsächlich beschleunigt haben, dann hätte das immerhin einen gewissen Sinn gehabt. Nagasaki ist eine andere Geschichte.

 

SPIEGEL: Hat es darüber jemals eine Debatte in der amerikanischen Öffentlichkeit gegeben?

 

Vonnegut: Nein, überhaupt nicht - abgesehen von denjenigen, die ohnehin gegen alles sind, gegen den Vietnamkrieg und gegen die Umweltverschmutzung. Viele Amerikaner sind allerdings heute davon überzeugt, dass die Japaner sich 1945 sowieso ergeben hätten. Es gibt Hinweise, dass Japan seine Fühler längst ausgestreckt hatte. Aber, mein Gott, jetzt schreiben wir 1998 und reden immer noch über die alten Geschichten! […] Ich denke manchmal, dass es etwas Pornographisches hat, sich diese Dinge anzugucken - die man eigentlich gar nicht sehen sollte: Wunden, Tod. Wieso finden die Menschen das aufregend? Über Schlachthof 5 sagen einige noch heute, das Buch sei nicht männlich geschrieben, es sei in ihren Augen gar kein richtiges Kriegsbuch.

 

SPIEGEL: Sie haben einmal die groteske Rechnung aufgemacht, wie viel Sie mit dem Dresden-Roman pro Leiche verdient haben.

 

Vonnegut: Ich sagte, ich sei der einzige, dem die Bombardierung Dresdens Gewinn gebracht hat. Das zu beziffern ist schwierig, weil es stark voneinander abweichende Angaben gibt. Geht man von 135 000 Toten aus, dann hätte ich zwischen fünf und zehn Dollar pro Kopf verdient. Immerhin: Ich habe manche Leiche selbst herumtragen müssen.

 

SPIEGEL: Sie wurden zur Bergung der bei Luftangriffen Getöteten eingesetzt, nachdem Sie Ende 1944 in den Ardennen in deutsche Gefangenschaft geraten waren. Träumen Sie noch manchmal davon?

 

Vonnegut: Nicht mehr. Und früher habe ich auch weniger von den Leichen als von der Bombardierung geträumt. Ich wurde übrigens von fast allen Luftwaffen bombardiert, nur nicht von der deutschen - zunächst von britischen und amerikanischen Flugzeugen, nach der Befreiung machten dann sowjetische Maschinen auf uns Jagd, als wir über die deutschen Landstraßen irrten.

 

SPIEGEL: War der Krieg die einschneidendste Erfahrung Ihres Lebens?

 

Vonnegut: Nein. Das war das Fernsehen.

 

SPIEGEL: Warum das Fernsehen?

 

Vonnegut: Das Fernsehen hat nicht nur mein Leben weit mehr beeinflusst als alles, was vor mehr als 50 Jahren geschehen ist. Es bringt dir Leute ins Haus, die viel interessanter sind als deine Freunde und Verwandten. […] Es geht den Sendern nur noch um Einschaltquoten, um Werbekunden, um Geld. Mit Journalismus hat das nichts zu tun.

 

SPIEGEL: Sie sind ein starker Raucher - und das ausgerechnet in den USA. Wie halten Sie das aus, bei der Ächtung aller Nikotinsüchtigen?

 

Vonnegut: Zu dieser Ächtung kommt es, weil sonst niemand mehr da ist, den man hassen kann. Für mich sind Zigaretten eine Art, mit Depressionen fertig zu werden. Mir hilft das. Ich rauche, wenn ich arbeite, ich rauche jetzt, wo wir reden. Das Problem ist nur: Die Zigaretten bringen dich um. Aber wer weiß, ob ich mich ohne das Rauchen nicht längst selbst umgebracht hätte.

 

SPIEGEL: Es heißt, Sie hätten schon einmal einen Selbstmordversuch unternommen?

 

Vonnegut: Zweimal. Wie gesagt: Ich leide unter Depressionen.

 

SPIEGEL: Wie viele Schriftsteller.

 

Vonnegut: Wie viele Deutsche!

 

SPIEGEL: Was wissen Sie über Ihre deutschen Wurzeln?

 

Vonnegut: Meine Vorfahren kamen zu einer Zeit nach Amerika, als es noch nicht einmal die Freiheitsstatue gab. So gegen 1840. Die deutsche Abstammung war noch ein Thema, als ich gut hundert Jahre später meine erste Frau heiratete. Die Abneigung vieler Amerikaner gegen alles Deutsche hat übrigens weniger mit den beiden Weltkriegen zu tun als damit, dass die deutschen Auswanderer im Vergleich etwa zu den Briten oder Italienern, die hierherkamen, wohlhabend und gut ausgebildet waren. Deutsche gründeten Banken und Geschäfte.

 

SPIEGEL: Sie würden mit dem Wunsch ins Grab sinken, schreiben Sie, "Ärsche und Titten zu kosen". Zieht Sie das Weibliche immer noch an?

 

Vonnegut: Ich denke jeden Tag an Sex. Ich bin zwar 75, aber weiß der Himmel, ich muss mir nur die Gestalt einer Frau vorstellen: wunderbar!

 

SPIEGEL: Ihr jüngster Nachwuchs ist eine Tochter im Teenager-Alter. Liest sie Ihre Sachen, kann sie darüber lachen?

 

Vonnegut: Meine Tochter lacht über meine mündlichen Späße. Die Bücher liest sie nicht. Vielleicht wird sie das auch nie tun.

 

SPIEGEL: Sie haben den überraschenden Vorschlag gemacht, jeder Arbeitslose müsste erst eine Buchkritik schreiben, bevor er seine Unterstützung erhält. Warum das?

 

Vonnegut: Das wäre doch eine schöne Übung, finden Sie nicht? Jeder sollte sich mit Kunst beschäftigen, Gedichte schreiben oder malen. Nicht für Geld, sondern um die Seele zu beflügeln. Das Malen ist das Schöne, nicht die Vernissage - die ist der Alptraum.

 

SPIEGEL: Und beim Schreiben?

 

Vonnegut: Der orgiastische Augenblick ist das fertige Manuskript. Wenn es abgegeben ist, hat man nichts mehr damit zu tun. Auch schreiben soll man für die eigene Seele, nicht um damit sein Geld zu verdienen.

 

 

Anschließend ab 23 Uhr MEZ:

Pop Sunday Retro#11: 

Tod einer Kuh und andere Erzählungen von Ludwig Fels

 

Alles zu empfangen in Jena und Umgebung über UKW 103,4 MHz bzw. 107.9 im Kabel zu den angegebenen Terminen oder auch weltweit zeitgleich im Netz bei Anklicken des folgenden Links:

 

Sonntag, 26.11.2017, 22 - 24 Uhr MEZ