Samstag, 09|12|2017

20 - 21 Uhr MEZ 

 

auf Radio LOTTE Weimar

und zeitgleich als Livestream

 

Radio|Speziale* präsentiert:

 

Geschichte des Sängers -

Peter Handke

zum 75. Geburtstag

 

 

Ich glaube nicht an Phasen eines Lebens. Gelassen wär ich gern. Aber noch endet bei mir jeder Absatz schneidend. Ich wäre gern Epikureer, doch ich bin ein Hin- und Hergeworfener.

 

(Peter Handke)

 

 

"Der Sänger war ungefähr gleich alt wie ich, und wollte noch als Greis weitersingen, wie Muddy Waters und John Lee Hooker.

Und doch hatte es in seinem Leben schon mehrere Augenblicke gegeben, da er bereit gewesen wäre, auf der Stelle zu sterben."

 

Weiß der Teufel, was der Schriftsteller ist. Ich möchte auch gar nicht wissen, was der ist. Jedenfalls ist er kein Rechter. Und auch kein Konservativer. Der Schriftsteller ist alles: konservativ und anarchistisch, ein Mensch der Formen und des Unförmigen. Noch schöner: wenn er nichts ist.

 

"Bei dem 'Mr. Tambourine Man', das aus der Jukebox in Bauchhöhe zu hören war, dachte er, daß die Lieder damals vor dreißig Jahren noch buchstabiert wurden, während sie inzwischen allesamt geläufig klangen, auch die seinen? Der Takt, den er, mit den Fingern auf dem Schenkel, dazu schlug, paßte nicht zu dem Song."

 

In den letzten zehn Jahren waren meine Aufbrüche durch Wiederholungen bestimmt. Ich habe mir gesagt, ich gehe noch einmal dahin, wo ich einmal etwas gesehen habe. Ich habe Varianten gesucht.

 

 

"Vielleicht war der Sänger doch auch in Gedanken während der Fahrt, grübelte, grimmig, mehr als sonstwer. Aber das war nichts gegen den Moment, da er, so wie ein andrer im Bild, im Lied war. Dieses Im-Lied-sein war etwas ganz Seltenes, noch seltener als ein Gedicht. Im Lied zu sein war für ihn das Ursprüngliche."

 

Ich werde nirgendwo heimisch sein. Ich bin auch nicht heimatlos. Ich bin hier am Platz - in meiner irgendwann geschehenen Trennung von dem, was man Welt nennt. Diese Trennung passierte mir im Internat: beilhiebartig. Vielleicht kommt sie auch aus den Angstwochen nach dem Krieg und aus jenen zwölf Jahren, als ich staatenlos war. Wenn ich heute - zwei-, dreimal im Jahr - in meine österreichische Geburtsheimat reise, komme ich mir ansässiger vor als die meisten Leute, die dort geblieben sind. Die dort Gebliebenen sind sozusagen im Exil - lauter Entwurzelte: so ist unsere Welt.

 

"Wer in der Welt brauchte noch ein Lied, sein Lied, ein neues Lied?"

 

… wo man ein Gefühl des Gelingens hat, da empfindet man auch, dass es nichts Neues ist, sondern nur eine Variation. Warum sage ich 'nur'? Es gab ein paar Momente in meinem Schreibleben, da habe ich gedacht, jetzt spüre ich die Welt Tschechows. Oder die Welt Shakespeares. Andererseits kommt mir vor: So ein Buch wie die "Niemandsbucht" hat noch niemand geschrieben. So jemanden wie mich hat es noch nie gegeben.

 

 

"Nicht zum ersten Mal bemerkte der Sänger, daß Menschen, die mit ihrer engeren Heimat schlecht zurecht kamen, sich kaum in die fernen Metropolen wegsehnten, sondern nach etwas in der Frühzeit Gekanntem und mit den Jahren sagenhaft Gewordenem ein paar Hügel und Flüsse weiter."

 

Das ist für mich das Höchste: wenn einer in die Erzählung hineingehört. Bei den meisten Menschen, die ich treffe, kommt dieser Gedanke nicht.

 

"Dem Sänger war es, als beginne in ihm etwas zu heilen, von dem er, obwohl er doch immer wieder davon gesungen hatte, gar nicht wollte, daß es geheilt werde."

 

Ich selbst kann ein Buch nur lesen, wenn ich ein Ich spüre. Wie steht dieses Ich zu sich und zu den anderen? Nur indem ich bei mir bleibe, kann ich von der Welt erzählen. Das Ich muss so tief in sich hineingehen, dass es anonym wird. Je mehr ich nach innen gehe, desto weiter werde ich.

  

(Aus: Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht, Frankfurt a. M. 1994 bzw. SPIEGEL-Interview mit Peter Handke, 49/1994)  

 

Zu empfangen in Weimar und Umgebung über UKW 106,6 MHz bzw. 107.9 im Kabel zum angegebenen Termin oder auch weltweit zeitgleich als Livestream bei Anklicken des folgenden Links:

 

Samstag, 09.12.2017, 20 - 21 Uhr MEZ