Samstag, 11|11|2017

20 - 21 Uhr MEZ 

 

auf Radio LOTTE Weimar

und zeitgleich als Livestream

 

Radio|Speziale* präsentiert:

 

Fan Man -

William Kotzwinkle

zum 74. Geburtstag

 

 

Ist Phantasie Realität? Für mich ja, aber für die meisten Leute nicht. Wenn es nach denen ginge, müsste ich sagen, ich habe sie nicht alle.

 

(William Kotzwinkle)

  

 

"Auch der Fan Man, eine wüste Hippie-Geschichte aus dem New York der sechziger Jahre, hat ein reales Vorbild: Der geniale Musiker, der 15-jährige Mädchen zum Singen und mehr verführt, aber in seinem konfusen, drogengedämpften Leben nichts auf die Reihe bringt, ist ein enger Freund von Kotzwinkle, der ... an einer Fortsetzung des Kultromans schreibt - jeden Vormittag, mit Blick aufs Meer."

 

Was macht der echte Fan Man heute?

 

Kotzwinkle: Immer noch dasselbe: Er leitet diesen wunderbaren Chor aus  15-jährigen Mädels. Die haben einfach schöne Stimmen. Und schöne Körper. Das sind seine beiden Hauptinteressen. Er ist völlig verarmt, aber irgendwie kommt er durch. Neulich sagte er: 'O Mann, ich habe eine neue Technik gelernt. Ich nenne sie Nepalese nipple analysis.' Er liest diesen Hühnern aus der Hand, deutet ihre Sterne und macht nun auch noch die nepalesische Nippelanalyse.

 

Damit kriegt er sie rum?

 

Kotzwinkle: Ja! Es ist unglaublich: Er ist fett, feist, hat fast eine Glatze und ist die ganze Zeit stoned. Es ist seine Virilität, die ihn anziehend macht. Die verliert er nie, egal, wie sehr er verkommt. Er meint: 'Jetzt ist unser Altersunterschied mathematisch perfekt: sie 15, ich 51...'

 

Darf man so etwas heute noch schreiben?

 

Kotzwinkle: Eigentlich müsste ich politisch korrekt sein, aber der Fan Man ist die Quintessenz einer Zeit, die viele bis heute fasziniert. Er verkauft sich noch immer gut. Und vielleicht wird jetzt der Film produziert […] Das Drehbuch war fertig; aber die Hollywood-Politik hat's vermasselt.

 

 

Sie mögen Hollywood nicht besonders?

 

Kotzwinkle: Ganz Amerika verwandelt sich in Hollywood. Ein Alptraum! Nichts als Müll. Aber wenn ich Millionen verdienen wollte, würde ich nach L.A. ziehen und Drehbücher schreiben.

Sie sind doch schon Millionär.

Kotzwinkle: Ja, aber ich könnte 50 Millionäre sein. Und ich hätte ein größeres Publikum, allerdings mit minderwertiger Arbeit. Es müsste schon ein Regisseur mit Format gezielt auf mich zukommen, jemand wie Steven Spielberg. Es war wunderbar, mit ihm zu arbeiten, damals bei E.T. Er ist ein Genie. Und er ist wie ich: introvertiert. Er gehört nicht in die Öffentlichkeit, und er weiß das. 

Warum versuchen Sie, sich soweit wie möglich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten?

Kotzwinkle: Unter Menschen zu gehen ist so etwas wie Folter für mich. Ich will niemanden sehen. Aber ich tu' es trotzdem, aus einem seltsamen Verlangen heraus. Der Mensch ist instinktiv ein Gemeinschaftswesen. Wenn man aber dieses Grundmuster durchbricht, setzt man eine bestimmte Menge Libido frei, und die kann man in die Kunst fließen lassen. Deshalb habe ich die meisten meiner Bindungen abgebrochen. Ich behalte ein paar, weil ich ein sentimentaler Idiot bin. Das ist ein Fehler. Ich habe für nichts anderes Zeit als für die Kunst. Ich will effektiv sein. 

Haben Sie eine so schlechte Meinung vom Literaturbetrieb? 

Kotzwinkle: Die Verleger haben diese einst wunderbare Kunstform in einen Rummelplatz verwandelt. PR-Kampagnen, Werbetourneen - das alles korrumpiert die Köpfe der Leser. In einem Flugzeug von der West- zur Ostküste lesen alle dasselbe Buch: irgendeinen beschissenen Bestseller. Und das zieht sie irgendwie runter. Weil es an das niederste, einfachste, dümmste Denken appelliert. 

Das sagt ein Autor, der selbst schon ganz oben auf der Bestsellerliste war. 

Kotzwinkle: Ich bin mit E. T. nicht auf Werbetour gegangen. Ich musste mich nicht zum Idioten machen. [Ich war] ... sechs Wochen mit Ein Bär will nach oben auf Tournee. Das war genug, um mich davon zu überzeugen, wie demütigend das ist. Dieses wird das vorletzte Interview in meinem Leben sein, eins habe ich noch einer englischen Zeitung versprochen. Interviews sind nicht ausgefeilt genug. Für mich zählt nur das Buch. 

(Interview: Sandra Maischberger)

 

 

"Fast jeder hat ihn in seiner Familie: den Hippie-Onkel. Er sammelt alles, raucht alles, redet wirr und tritt einmal jährlich in Erscheinung auf Familienfesten. Augen rollen, wenn sein seltsamer Duft den Raum erfüllt. Aus Schweiß, Räucherstäbchen und etwas, was man lieber nicht wissen will. Die Erwachsenen mögen den Onkel nicht, er ist unheimlich. Aber Kinder lieben ihn, denn er ist bunt, hat kaum Zähne im Mund und erzählt lustige Geschichten.

 

Horse Badorties ist so einer. Ein Schlamper, die totale Katastrophe; alles, was in uns nach Ordnung ruft, macht er kaputt. Dem geregelten Lauf nimmt er die Grundlage, den Ernst. Wir dürfen ihn begleiten, Mann. Und das auch noch in seinem Kopf, Mann. Denn er ist der Ich-Erzähler in William Kotzwinkles Roman Fan Man. Ein kindisches Vergnügen! 1974 veröffentlichte er diesen 150-seitigen Aberwitz. Sein Name ist echt, die amerikanische Mutation des deutschen Namens Katzwinkel.

 

Horse Badorties verlässt sein Apartment, in dem Küchenschaben über den gigantischen Haufen verklebten Geschirrs in seinem Waschbecken trippeln. Das Wasser ist noch nicht kalt genug, also wird er das Wasser 'nen Augenblick laufen lassen, bis es kalt wird. Er darf nicht vergessen, das Wasser abzustellen ...

 

... Er wird es vergessen. Denn er ist immer unterwegs in New Yorks Bowery: Hotdogschirm besorgen oder Buchstabennudeln rauchen.

 

Er ist nicht kopflos, denn er zieht ständig Bilanz. Er liebt die Dinge, lebt den Müll. Und ist besessen von Ventilatoren, im Englischen heißen sie Fan. Ihr großartiges Dröhnen erregt seine Trommelfelle und lässt ihn schwärmen. Ventilatoren geben dem Buch seinen Namen: Fan Man. Horse Badorties ist sein Held, er ist der Racheengel aller Nonkonformisten. Mann. Und er hat ein akutes Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Im Endstadium. Ständig musiziert und missioniert er, erregt Aufsehen. Er quatscht die Menschen auf der Straße voll und er quatscht den Leser voll; die Sprache des Romans ist ein einziger assoziativer Schwall.

 

Das Ziel ist das Benefizkonzert eines Liebeschors 15-jähriger Mädchen. Und als es endlich stattfindet, kommt sogar das Fernsehen. Onkel Horse wird es jedoch verpassen, weil er im Park wegträumt. Auf der Suche nach dem Baum, 'gegen den er sein erstes Mädchen gebumst hat'.

 

Dieser Roman ist eins dieser Bücher, die man verschlingt, ohne zu merken, dass es eigentlich umgekehrt ist. Der Sprachrhythmus und sein ständiges 'Mann' setzen sich im Kopf fest, wo ein kleiner Horse Badorties im verdauten Geist erwacht."

 

(Sebastian Reier)

 

 

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Samstag, 11.11.2017, 20 - 21 Uhr MEZ